Mein Weg zurück in die Selbstständigkeit

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Eine eigene Wohnung zu haben, bedeutet für mich selbstständig und unabhängig zu sein. Mein Leben verlief nicht immer ganz nach Plan, aber ich kämpfte mich immer wieder zurück in die Unabhängigkeit.


Ich heiße Beate Schieder und bin 44 Jahre jung. Ich werde dieses Jahr in eine behinderten-gerechte Wohnung in Neudau ziehen und freue mich schon auf meine dadurch wiedererlangte Selbstständigkeit.

Bis zu meinem 7. Lebensjahr hatte ich eine glückliche Kindheit auf einem Bauernhof. Doch plötzlich veränderte sich mein Leben mit einem Schlag. Ich erkrankte an Diabetes und musste für drei Wochen ins Krankenhaus nach Graz, wo mein Blutzucker eingestellt wurde. Meine Sehkraft, die von Geburt an nicht so gut war, verschlechterte sich jedes Jahr.

Nach meinem Abschluss an der Polytechnischen Schule habe ich versucht, mich in der Arbeitswelt zu integrieren. Ich hatte einen Job in einer Pension für Blinde angenommen. Jedoch merkte ich, dass ich mit dieser Arbeit wegen meines schlechten Sehvermögens überfordert war. Daraufhin besuchte ich das Odilien-Institut in Graz und lernte einen Beruf. Ich wurde in der Weberei aufgenommen und lebte in einer Wohngemeinschaft für Sehbehinderte.

Wegen einer Blutung im Auge musste ich operiert werden. Durch diese Operation sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Farben und ich bekam meine Sehkraft zurück. Darum entschied ich mich, das Odilien-Institut zu verlassen, um ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Ich verdiente mein Geld als Kellnerin und arbeitete als Küchenhilfe.


Bis zu dem Tag, als wieder eine Blutung im Auge auftrat. Ich kam für 9 Wochen in die Augenklinik und wurde 8-mal in diesem Zeitraum operiert. Leider war diese Methode zu dieser Zeit noch nicht richtig ausgereift und ich verlor mein Augenlicht. Alles, was ich aufgebaut hatte, war auf einmal weg. Ich verlor meinen Job und sogar die meisten Freunde, die mit dieser Situation nicht umgehen konnten. Diese Zeit war sehr schwer für mich. Ein kleiner Lichtblick war, dass ich einen Blindenführhund bekam, damit ich mich im Leben wieder zurechtfinden konnte. Mein Hund „Jeana“ konnte mir zwar sehr viel abnehmen, jedoch kann ein Hund eben nicht alles erledigen.

Deswegen entschied ich mich, eine Blindenschule in Linz zu besuchen. Ich lernte in Linz, wie man als Sehbehinderte den Haushalt führt. Nach acht Monaten zog ich mit einem Mann zusammen, den ich in Linz kennengelernt hatte. Nach zwei Jahren Beziehung ging ich nach Wien, um eine Ausbildung als Telefonistin zu machen.

Dort traf ich einen ehemaligen Schulkollegen und verliebte mich in ihn. Ich zog zu meiner neuen Liebe nach Wien und wurde schwanger. Im vierten Monat gab es eine standesamtliche Hochzeit. Danach brachte ich per Kaiserschnitt im 7. Monate einen gesunden Jungen zur Welt. Mein Leben hatte sich wieder zum Positiven gewandt. Leider merkte ich zu spät, dass mein Mann dem Alkohol verfallen war. Die Ehe zerbrach an dieser Sucht. Ich zog mit meinem Sohn zuerst wieder zurück nach Hause und dann in eine Wohnung in Hartberg.

Beate Schieder hat in ihrem Leben bereits viel erlebt. Ihre Selbstbestimmung hat die 44-Jährige nie aufgegeben.


Bei einem Zusammentreffen mit Kollegen des Odilien-Institutes traf ich einen alten Kollegen, der taubstumm und sehbeeinträchtigt war. Ich verliebte mich Hals über Kopf in ihn. Kurz darauf zog er bei mir ein. Ich war überglücklich in dieser Zeit, alles lief perfekt.

Ich besuchte Schulen, um den Kindern ein Leben mit Sehbehinderung näher zu bringen. Ich hatte sogar Fernsehauftritte mit meinem Partner. Nach 3 Jahren bekam ich meinen zweiten gesunden Sohn. Wir bauten uns sogar ein Fertigteilhaus in Grafendorf und heirateten. Mein Leben war perfekt. Später entschied ich mich, in verschiedenen Lokalen „Dinner im Dunkeln“ anzubieten. Es war mir wichtig, dass Menschen in die Welt der Blinden eintauchen können, um sie somit besser zu verstehen.

Dort lernte ich einen Mann kennen, in den ich mich unsterblich verliebte. Für diesen Mann gab ich alles auf und zog mit meinen beiden Kindern nach Kapfenberg. Leider war dies nicht die beste Entscheidung, denn es war alles anders, als ich mir vorgestellt hatte. Durch den Stress bekam ich einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall in einer Woche.

Ich lag acht Monate im Koma. Nach dem Erwachen konnte ich nichts mehr. Nicht einmal meine Kinder erkannte ich. Zum Glück war meine Mutter zur Stelle und nahm meine Kinder und mich auf. Wofür ich auch sehr dankbar bin und sie auch meinen vollen Respekt verdient.

Meine Mutter organisierte für mich eine Familienentlastung und eine Freizeitassistenz, die mir Schritt für Schritt wieder alles lernte. Es war nicht immer leicht, aber ich wollte unbedingt wieder selbstständig werden. Heute, 9 Jahre nach meinem Schlaganfall, bin ich soweit, dass ich allein in eine Wohnung ziehen kann.

Dieses Gefühl wieder selbständig zu sein, ist unbeschreiblich. Die Wohnung ist behinderten-gerecht und es wurde sogar auf meine speziellen Bedürfnisse Rücksicht genommen. Ich freue mich schon auf mein neues selbständiges Leben in Neudau.


Text und Foto: Beate Schieder

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